Kann Nonstandard zum Standard werden? Für die Architekturikonen, die landauf, landab im globalen Standortprofilierungswettbewerb wie Pilze aus dem Boden schießen, und deren Urheber den Begriff Nonstandard gerne als Qualitätsmerkmal verwenden, scheint es bereits zu gelten: So viel Nonstandard war nie. Was nicht nonstandard ist, ist substandard. Nicht alles, was auf diesem Weg entsteht, erringt die Gunst des Publikums und nicht immer ist der Einsatz der Mittel so im Einklang mit dem Kontext wie beim Murturm der Architekten terrain:loenhart&mayr und der Ingenieure von osd, der unser Cover ziert. Vielfach macht sich auch Ernüchterung darüber breit und die Erkenntnis wächst, dass mit spektakulärer Form allein kein Staat zu machen ist. Und doch, selbst in der Finanz- und Immobilienkrise bleibt das Thema Nonstandard virulent. Die Bilbao-Hysterie hat ihm den notwendigen Entwicklungsschub gegeben, hat es salonfähig gemacht und zu einer Vielzahl von bautechnischen Experimenten und Fortschritten geführt. Auch die Krise kann diesem Trend nicht ernsthaft etwas anhaben, denn zum Krisenpostulat der Ressourceneffizienz steht er nicht im Widerspruch – im Gegenteil, es wurde schnell eingegliedert in das breite Anforderungsprofil an die Nonstandard-Technologien, denen man mit immer mehr Grund zutraut, dass sie die Produktionsbedingungen der Architektur revolutionieren werden.
Wohin uns diese Revolution führen wird, ist indes nicht klar. Es ist eine Revolution, die sich – jedenfalls bisher – in keine große Erzählung einbetten lässt – Mario Carpo spricht in seinem Beitrag von einem geschichtsphilosophischen Vakuum, in dem sie sich abspielt. Sie entspringt aus neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie und der computergesteuerten Fertigung. Ihre Folgen reichen weit: Sie weicht vertraute Rollenbilder und Abgrenzungen auf, verlangt mehr Einsatz und Kompetenzen von Architekten und Konstrukteuren und führt zu einer neuen Form von Handwerklichkeit. GAM.06 „Nonstandard Structures“ bietet eine multiperspektivische Sicht auf diese Zusammenhänge. In drei Teilen: Theory and Debate, Process and Performance und Digital Crafting kommen wichtige Positionen und Haltungen zu Wort, welche die verwirrende Möglichkeit des Nonstandards als Standard untersuchen.
Als wir vor einem Jahr die Arbeit an dieser sechsten Nummer von GAM aufgenommen haben, war im Call for Papers von zwei scheinbar gegenläufigen Tendenzen, welche das Phänomen der Globalisierung prägen, die Rede: Standardisierung und Individualisierung. Dass die weltweite Verfügbarkeit von Information und Wissen zwar die Welt im Friedmann’schen Sinne flacher macht, das heißt, den Vorsprung der entwickelten Nationen bei Ausbildung und Marktzugang dahinschmelzen lässt, ist nur eine Seite der Entwicklung. Sie ließe erwarten, dass die Welt im gleichen Zug auch übersichtlicher und leichter zu verstehen würde. Doch das findet nicht statt. Vielmehr geht die weltweite Angleichung von Maßstäben und Standards paradoxerweise einher mit einer Förderung des Individuellen und Randständigen. In der globalisierten und zugleich hyper-individualisierten Welt gewinnt der Abstand zur Norm an Wert, wird aus dem Nonstandard als Abweichung der Nonstandard als Ausdruck von Individualität. In der Architektur ist das Wechselspiel dieser beiden Tendenzen durch Entwicklungen im Bereich der digital gesteuerten Fertigungstechnik geprägt. Die Standards des Industriellen Zeitalters werden durch die Produktionsbedingungen des Informationszeitalters wo nicht abgelöst, so doch immer mehr infrage gestellt.
Im Call for Papers haben wir auch William J. Mitchell zitiert, der in „Constructing Complexity“[1] die Entwicklung architektonischer Formen vor dem Hintergrund dieser sich wandelnden Produktionsbedingungen beschreibt. Vorindustrielle Zeiten, so Mitchell, haben viel „loving care per square foot“ aufwenden können und Bauten hervorgebracht, bei denen für jedes Detail individuelle Lösungen handgefertigt und gestaltet wurden. In Zeiten industrieller Fertigung ist diese Herangehensweise nicht mehr konkurrenzfähig und Repetition gleicher Teile – zumal für große Bauaufgaben – Pflicht. Die Rasterfassaden des zwanzigsten Jahrhunderts sind dafür Sinnbild. Das Informationszeitalter, so Mitchell, führt nun ein neues Potenzial ein: „Information technology enables large scale without reducing complexity.“ Für Mitchell geht es also nicht um die Machbarkeit willkürlicher Formen. Es geht um einen neuen Umgang mit Komplexität. Um komplexe Aufgaben zu meistern, kann man diese nicht nur strukturieren und aufgeteilt an andere delegieren. Diese „anderen“ können neuerdings auch Computerprogramme, bzw. computergesteuerte Maschinen sein, Maschinen also, denen es prinzipiell egal ist, ob sie immer wieder dieselben oder immer wieder andere Befehle erhalten. Mitchell argumentiert, dass bei Ausnutzung dieser Technologie heute auch große institutionelle Gebäude wieder aus lauter Ausnahmen bestehen können, dass wir, diesmal mit digitalen statt mit handwerklichen Mitteln, unseren Projekten wieder jene an historischen Bauten bewunderte akribische Liebe zum Detail angedeihen lassen können.
Diese faszinierende, optimistische Vision steht also zur Debatte und sie wird in diesem Heft kontrovers diskutiert. Bei der Auswahl der Beiträge war uns eine gewisse Bodenhaftung wichtig. Es sind Erfahrungsberichte, Diskussionen konkreter Projekte, kritische Stimmen und realistische Einschätzungen der Voraussetzungen von Nonstandard-Strukturen, ihrer Erzeugung und ihrer architektonischen Konsequenzen. Das Thema ist gerade in seinen immer weiter reichenden Auswirkungen auf die Praxis relevant und vielschichtig. Um dem Rechnung zu tragen und um das Thema auch etwas zu strukturieren, haben wir die oben erwähnten drei Sektionen gebildet. Die erste Sektion, Theory and Debate, konzentriert sich auf die Auswirkungen der neuen Technologien auf das architektonische Denken und den ästhetischen Diskurs. Die zweite, Process and Performance, widmet sich den Prozessen der Formfindung, der Performance-Optimierung, und der Frage, ob und wie diese in Einklang zu bringen sind. Die Sektion Digital Crafting schließlich versammelt Texte, die einen Einblick in die aktuellen Nonstandard-Praktiken bieten und die Frage nach einer neuen, digitalen Handwerklichkeit in der Architektur thematisieren. Die drei Sektionstitel sind nicht als hermetische Abgrenzungen zu sehen. Vielmehr fokussieren sie auf wesentliche Aspekte des Themas Nonstandard Structures, die sich in der einen oder anderen Form in allen Beiträgen wiederfinden.
Die frühmorgendlichen Nebelschwaden, die auf unserem Umschlagbild den Murturm umgeben, kündigen vielleicht die Klärung an, die sich zum Thema Nonstandard Structures beim Lesen ergibt, vielleicht stehen sie aber auch für die offenen Fragen, die noch bleiben. Vielleicht sind sie sogar ein Hinweis auf unser nächstes Thema, bei dem wir uns wieder dem großen Maßstab der Landschaft zuwenden. Den Call for Papers zu GAM.07 –Zero Landscape finden Sie wie immer auf den letzten Seiten. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
[1] William J. Mitchell, „Constructing Complexity“, Keynote Vortrag an der 11. Internationalen CAAD Futures-Konferenz, TU Wien, 22.–25. Juni 2005. Siehe auch das gleichnamige Keynote Paper von W. J. Mitchell in Andre Brown et al. (Hg.): Computer Aided Architectural Design Futures 2005, S. 41–50, Wien: Springer, 2005.