Deodar Cedar (Cedrus deodara) © Sophia Meeres

Über Grenzen und Passagen:
Eine philosophische Betrachtung zu Synergien in der Architekturforschung

Chris Younès

Über Synergien in der Architekturforschung nachzudenken ist eine Herausforderung. Mehr als eine bloße Verknüpfung verschiedener Disziplinen, setzen sie eine Auseinandersetzung mit der heuristischen Kohabitation nicht nur von Disziplinen, sondern von verschiedenen Praxis- und Denkmilieus voraus. Edgar Morin, der sich eingehend mit der Erfindung neuer Formen des Komplexitätsdenkens beschäftigt, hat das wie folgt umrissen: „Die Disziplin ist eine organisatorische Kategorie innerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnis; sie führt dort Arbeitsteilung und Spezialisierung ein und entspricht der Vielfalt der Bereiche, die von den Wissenschaften abgedeckt werden; obwohl in ein größeres Wissenschaftsganzes eingebunden, strebt sie naturgemäß nach Autonomie, indem sie ihre Grenzen absteckt, eine eigene Sprache entwickelt, bestimmte Techniken erfindet oder verwendet und möglicherweise auch eigene Theorien aufstellt.“[1] In der Entwicklung der Wissenschaften, erwiesen sich disziplinäre Strenge und Spezialisierung als fruchtbar für das Abstecken der Bereiche, der Studienobjekte, die notwendig sind, um eine Wissensform einzugrenzen und ihre Auflösung zu vermeiden – eine Voraussetzung für Begegnungen mit anderen Disziplinen. Die Verknüpfung verschiedener Disziplinen bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede zwischen ihnen gibt, sondern vielmehr eine gegenseitige Befruchtung, die die Grenzen der jeweiligen Disziplin überschreitet.

Allerdings gehen die „Transdisziplinen“ und „Indisziplinen“ über Interdisziplinarität hinaus; sie bestehen darin, nach anderen Formen der Beziehung, der Ko-Dynamik zu suchen. Sie verlangen nach einer Neubewertung von Grenzen und Übergängen, nicht um diese zu simplifizieren, sondern um sie zu komplizieren. Derrida fordert eine „Limitrophie“, ein anderes Denken über die Potenzialitäten der Kultur der Grenze, wobei „es [nicht nur] um das gehen wird, was an der Grenze, um die Grenze herum sprießt und wächst, indem es sich an/von der Grenze unterhält, sondern auch um das, was die Grenze nährt, was sie generiert, sie aufzieht und verkompliziert. Was ich sagen werde, wird vor allem nicht darin bestehen, die Grenze auszulöschen, sondern darin, ihre Figuren zu vervielfältigen, die Linie eben dadurch zu verkomplizieren, zu verdicken, zu entlinearisieren, zu krümmen, zu teilen, dass man dafür sorgt, dass sie wächst und sich vervielfältigt.“[2] Unter dem doppelten Druck der daraus folgenden Angst vor der Welt und des Verantwortungssinns ist es hilfreich, über Fragen der Verbindung von innen und außen, öffentlich und privat, menschlich und nichtmenschlich nachzudenken. Im Gefolge der im 17. Jahrhundert von Galileo, Bacon und Descartes entwickelten dualistischen Auffassung von einer außerhalb des Menschen liegenden Natur, die nach Belieben manipulierbar ist, fing die westliche Moderne an, Mensch und Natur einander gegenüberzustellen. Unsere Sicht der Dinge – und die Paradigmen, mit denen wir sie interpretieren – haben sich weiterentwickelt. Dieser Prozess begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Philosophen wie Hans Jonas im Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation,[3] welches das Nachdenken über das Schicksal des Menschen mit dessen Verhältnis zur Natur verband, oder mit Michel Serres’ Der Naturvertrag,[4]  der sich nicht nur – wie Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ – für Vertragsbedingungen zwischen Menschen einsetzt, sondern auch für diejenigen der Achtung der Natur (der Rückgabe dessen, was der natürlichen Umwelt entnommen wurde, an sie).

Die Begriffe Grenze („limite“) und Passage sind direkt miteinander verwandt. Limite kommt „vom lateinischen Wort limes, limitis, ein an ein Grundstück grenzender Weg, ein Pfad zwischen zwei Feldern, eine Beschränkung, eine Grenze.“[5] Es verweist auf Ränder, diejenigen des Erkennbaren und des Unerkennbaren, des Endlichen und des Unendlichen, der Ordnung und des Chaos, der Beständigkeit und der Instabilität, des Menschlichen und des Nichtmenschlichen, Leben und Tod. Der Philosoph Henri Maldiney erklärt: „Durchqueren hängt mit der indo-europäischen Wurzel per, ‚durch‘ zusammen, die auch in dem Wort expérience oder dem griechischen expeira steckt sowie in zahlreichen davon abgeleiteten germanischen Worten. Das griechische Wort poros, d.h. ‚Passage‘, bezeichnet sowohl einen Weg als auch eine Furt, also alles, was es ermöglicht, von hier nach dort zu gelangen – hinweg über diese Linie oder Zone der Verbindung und Trennung, die die grundlegendste aller menschlichen Situationen definiert.“[6]

„Die Grenze ist nicht das, wobei etwas aufhört, sondern, wie die Griechen es erkannten, die Grenze ist jenes, von woher etwas sein Wesen beginnt.[7] Das heißt, Grenzen sind paradox: Sie können gleichzeitig trennen und unterscheiden wie auch Beziehungen stiften und sich so als überwunden und überschritten erweisen. Grenzen sind also Orte des Wandels und der Begegnung. Aus den Stimmen, die sich dazu geäußert haben, ragen einige besonders heraus, zum Beispiel die von Michel Serres, der behauptet, Passagen und Verbindungen stifteten Beziehungen zwischen neuen wissenschaftlichen Praktiken und den Bereichen des Fluktuierenden, des Zusammengesetzten und des Hybriden. Laut Serres geht es darum, Felder und Disziplinen als ein „Kontinuum“ zu betrachten, das „ein Ort von Bewegungen und Austauschprozessen [ist]: Methoden, Modelle, Ergebnisse zirkulieren darin, werden unablässig von überallher nach überallhin exportiert und importiert. […] der neue […] Geist entwickelt sich zu einer Philosophie des Transports: Schnitt, Intervention, Anzapfen. […] Anders ausgedrückt, die Aufteilung hat weniger Bedeutung als die Zirkulation auf den Wegen oder Fasern: die Grenzen eines Gebiets sind von geringerem Interesse als die Knotenpunkte, an denen die Linien sich kreuzen, denn nach der These sind die Knotenpunkte nichts anderes als die Gebiete selbst. In diesem neuen Raum entfaltet Erfindung sich gemäß einer ars interveniendi, Schnitte sind heuristisch, und Fortschritt bedeutet Kreuzung. So erkennen wir, mit welcher Komplexität wir es zu tun haben.“[8] Auf diese Weise wird ein dualistisches Imaginäres, das eine gewisse Spielart der Moderne leitete, durch das einer Symbiose und eines „Re-Sourcing“ überlagert.

Angesichts von Klimawandel, Biodiversitätskrise, der Globalisierung sowie sozialer und technischer Umbrüche bedarf die Architektur einer vitalen Forschung, die Universität, Praxis, Bildung, Experimentieren und Kultur miteinander verbindet. Das impliziert eine Vielfalt an öffentlichen, privaten und gesellschaftlichen Stakeholdern. Synergie bedeutet also eine Aktivierung vorhandener Ressourcen für die Architekturforschung in verschiedenen Subthemen: z.B. Instabilität – Umgang mit Ungewissheiten, Schwachstellen, Obsorge. Forschen in synergetischen Umgebungen achtet auf das Gleichgewicht zwischen Natur und Artefakten, Ökosystemen und Anthropisierung, Maschinen und Menschen, Praxis und Denken: Es verlangt nach paradigmatischen Änderungen in der Art und Weise, wie wir Beziehungen zwischen Milieus und zwischen Rationalität, Sensibilität und Empathie wahrnehmen. Es verweist auf die in anderen Narrativen zum Ausdruck kommenden epistemologischen und ethischen Positionen und in die Praxis umgesetzte Methoden der Ressourcenreaktivierung. So beharrt zum Beispiel Félix Guattari in Die drei Ökologien auf die Notwendigkeit einer Ökosophie: „eine ethisch-politische Verbindung zwischen den drei ökologischen Bereichen von Umwelt, sozialen Beziehungen und menschlicher Subjektivität“.[9] Val Plumwood erklärt in Environmental Culture: The Ecological Crisis of Reason, dass (zu viel) Wissenschaft zu einer „Form monologischen und dualistischen Denkens geworden ist, [bei der die WissenschaftlerInnen] sich radikal von den Erkenntnisgegenständen absetzen, auf eine Art und Weise, die ihnen Aspekte von Gemeinsamkeit, Geist oder Intentionalität verweigert.“[10] Und Hélène Frichot zeigt in Dirty Theory: Troubling Architecture[11] die Schmutzigkeit materieller und konzeptueller Beziehungen in komplexen Umgebungen auf, wobei sie besonders feministische Theorien und Praktiken im Auge hat und Möglichkeiten erkundet, in der Architekturforschung eine kreative Ökologie von Praktiken zu erhalten.

Um auf das Thema Grenzen und Passagen sowie das Hinterfragen und das „Re-Sourcen“ von Synergien in der Architekturforschung zurückzukommen, so besteht die Herausforderung darin, mittels neuer Forschungsgebiete[12] sowie Methoden und Tools kognitiver und kreativer Dynamiken neue wissenschaftliche Perspektiven, Allianzen und Dialoge zu ersinnen, zu erfinden und damit zu experimentieren.

 

Übersetzung: Wilfried Prantner

 

[1] Morin, Edgar: „Sur l’interdisciplinarité“, in: Carrefour des sciences, Actes du Colloque du Comité National de la Recherche Scientifique, Paris 1990, online unter: https://ciret-transdisciplinarity.org/bulletin/b2c2.php (Stand: 3. Dezember 2025; Übers. W.P.).

[2] Derrida, Jacques: Das Tier, das ich also bin, Übers. Markus Sedlaczek, Wien 2010, 55.

[3] Vgl. Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1979.

[4] Vgl. Serres, Michel: Der Naturvertrag, Übers. Hans-Horst Henschen, Frankfurt am Main 1994.

[5] Ray, Alain (Hg.): Dictionnaire historique de la langue française, Paris 2006, 2027. (Übers. W.P.)

[6] Maldiney, Henri zit. nach Younès, Chris/Nys, Philippe/Mangematin, Michel: „A l’écoute de Henri Maldiney“, in: Dies., L’architecture au corps, Brüssel 1997, 13. (Übers. W.P.)

[7] Heidegger, Martin: „Bauen Wohnen Denken“ (1951), in: Ders.: Vorträge und Aufsätze, Teil 2, Pfullingen 1967, 19–36, hier 29.

[8] Serres, Michel: Hermes II: Interferenz, Übers. Michael Bischof, Berlin 1992, 8, 13.

[9] Guattari, Félix: Die drei Ökologien, Übers. Alec Schaerer unter Mitarbeit von Gwendolin Engels, Wien 1994, 12.

[10] Plumwood, Val: Environmental Culture. The Ecological Crisis of Reason, London/New York 2002, 45 (Übers. W.P.).

[11] Vgl. Frichot, Hélène: Dirty Theory: Troubling Architecture, Baunach 2019.

[12] Vgl. Bodart, Céline/Younès, Chris: „Les synergies à l’œuvre pour faire recherche en architecture“, Le Philotope 14 (2020).