Synergien sind ein wichtiges Thema in einer sich immer mehr ausdifferenzierenden und zu Spezialisierungen hin entwickelnden Welt, deren Probleme immer größer und komplexer werden. Gemeinsamkeiten zu finden, zusammenzuarbeiten in Konstellationen,bei denen sich die Personen und Gruppen und ihr Fachwissen gegenseitig ergänzen und bereichern, ist ein Gebot der Stunde, aber auch eine langfristige, generationenübergreifende Aufgabe. Indes, wenn man Anfang 2026 einen Blick auf die Tagespolitik wirft, so scheint die Suche nach Synergien im Denken und Handeln der führenden Mächte derzeit kaum eine Rolle zu spielen. Von Stärke und Gewalt ist stattdessen die Rede, ja gar vom Recht des Stärkeren als „ehernem Gesetz der Welt seit Anbeginn der Zeit“.[1] Ein neues Zeitalter des Imperialismus zieht da herauf – die Vorboten sind klar, welche Rolle Europa und sein Ideal einer pluralistischen demokratischen Gesellschaftsordnung darin spielen wird, hingegen keineswegs.
GAM erscheint einmal im Jahr, die Tagespolitik zu kommentieren kann deswegen nicht unsere Aufgabe sein. Und doch bekommtunser Heftthema dieses Mal eine besondere Note dadurch, dass es sich deutlich vom vorherrschenden medialen Diskurs absetzt. Wir lenken das Augenmerk auf das Potenzial von Synergien, durch kooperative Praxis kollektiv tragfähige und innovative Lösungen vorzubereiten. Das Zusammenwirken von unterschiedlichen Kräften bei dem alle gewinnen, ist etwas, nach dem wir alle ständig suchen sollten. Wenn wir besser werden im Zusammenarbeiten, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir gemeinsam bessere Lösungen finden.
In der Architektur erscheinen synergetische Formen der Zusammenarbeit über Disziplinen, Hierarchien und Tätigkeitsfelderhinweg naheliegend. Man könnte argumentieren, dass die Architektur durch ihr multidisziplinäres Wesen mit dieser Thematik von vornherein vertraut ist und darin über besonders viel Erfahrungs- und Methodenwissen verfügt. Doch auch hier haben sich in jüngster Zeit noch einige neue Türen geöffnet: Einerseits durch die neuen Formen der Inklusion und Partizipation, welche durch die fortschreitende Digitalisierung entstehen, andererseits durch das Interesse an der Natur, an natürlichen Prozessen und nachhaltig produzierbaren Materialien, das aus der Klima- und Biodiversitätskrise erwachsen ist. Beide Entwicklungen machen eineErweiterung jener ExpertInnenkreise erforderlich, mit denen kooperative Konstellationen erfolgreich sind, um diesen Herausforderungen angemessen zu begegnen. Oder, um im Bild zu bleiben: beide Türen sollten wir gemeinsam mit anderen durchschreiten, damit wir uns in den neuen Räumen, die dahinter liegen, besser auskennen.
In den Beiträgen, die wir für GAM 22 ausgesucht haben, kommen beide Entwicklungen zur Sprache, also neue digitale Möglichkeiten ebenso wie das Interesse an natürlichen Prozessen und neuen Materialien. Wir finden produktive Synergien im Umgang mit Bäumen und Wäldern, mit Ruinen, Insekten und im philosophischen Diskurs. Es geht in den Beiträgen um theoretisch Grundlegendes, aber auch um konkrete Anwendungen, um idealistisch-spekulative Experimente, aber auch um pragmatische Methoden und ihre Umsetzung in Projekten. Um etwas Ordnung in diesen bunten Strauß an Themen zu bringen, haben wir die Beiträge in drei Blöcke gegliedert. Der erste Block – „Finding Coherence“ – widmet sich der sozio-kulturellen und theoretischen Relevanz von Synergien in der Architektur und zeigt, wie disparate Handlungslogiken in neue, relationale Ordnungen überführt werden können. Sich auf andere Sichtweisen einzulassen heißt oft, auch das eigene Tun in Frage zu stellen. Chris Younès ermutigt uns dazu mit einem philosophischen Blick auf den Begriff der Grenze zwischen den Disziplinen und die neuen Territorien, die sich ebendort auftun und plädiert für eine paradigmatische Neubewertung der Beziehung von Natur, Gesellschaft und Technik. Danach beschreiben Olga Mesa und Nathan Fash drei Projekte ihres Studios Nuvola, die im geografischen Kontext von Lateinamerika zeigen, wie interkultureller Austausch und kollaborativ organisierte Projekte zu neuen sozial und ökologisch nachhaltigen Infrastrukturen und Fertigungsprozessen führen. Eine Bildstrecke von Mo Michelsen Stocholm Krag zeigt uns ein Badezimmer als kollektiv verwaltete Ruine. Krag‘s Arbeit macht damit auf die Bedeutung von kulturellem Erbe im alltäglichen Umfeld von lokalen Dorfgemeinschaften aufmerksam. Darauf folgt ein Bericht über das „Synergies“-Symposium im November 2024 an der Technischen Universität Graz, an dem über die Zukunft der Architekturforschung diskutiert wurde. Der erste Block endet mit dem visuellen Essay von Saurabh A. Mhatre, der verdeutlicht, wie Materialien wahrnehmen, sich anpassen und den Entwurf beeinflussen können.
Der zweite Themenblock – „Rethinking Practice“ – eröffnet Einblicke in Forschungsprojekte, die durch innovative Kooperationen von SpezialistInnen die Planungs- und Baupraxis neu denken und grundlegend verändern wollen. Daniela Mitterberger betrachtetArchitektur als lebendiges System und berichtet vom Gestalten von Synergien zwischen Menschen, Maschinen und Mikroorganismen. Milena Stavrić und ihr Forscherteam dokumentieren ihre Experimente mit neuartigen Materialien und die davon abgeleiteten Formen. Fabian Scheurer denkt im Interview darüber nach, wie sich die Baupraxis wandeln müsste, damit wir sowohl effizienter als auch nachhaltiger bauen könnten. Die Bildstrecke am Übergang zum dritten Themenblock von GAM 22 ändert den Maßstab. Sophia Meeres, Jay Gilbert und Ted Wilson zeigen Kartierungen von Irlands Bäumen: das Resultat eines interdisziplinären Projektes, welches in einem der am spärlichsten bewaldeten Länder Europas den Umgang mit dem Baumbestand ändern will.
„Fostering Involvement“, so der Titel des dritten Themenblocks, behandelt das Mitmachen: Wer darf? Wer will? Wer soll? Und wie erreicht man jene Menschen, die es angeht? Asya Illgün und Svenja Keune berichten über das Bauen für und mit Insekten und überdie Vorteile der Berücksichtigung der Bedürfnisse von Tieren beim Bauen. Uwe Rieger, Charlotta Windahl und Yinan Liu zeigen cyber-physische Projekte, in denen hybride, interaktiv erfahrbare Räume neuartige Formen der Kommunikation eröffnen. Den Abschluss bildet ein Interview mit Gerhard Schmitt, in dem der ehemalige ETH-Vizepräsident über die Zukunft unserer Städte und die direkte Demokratie spricht und erklärt, warum er regelmäßig auf dem Wochenmarkt seiner Heimatgemeinde frisch gebrühten Kaffee verkauft. Neugierig geworden? Wir wünschen Ihnen eine spannende und erkenntnisreiche Lektüre und uns allen eine Zukunft, in der zum Wohle aller wieder mehr nach Synergien gesucht wird.
[1] Stephen Miller, Homeland Security Advisor der US-Regierung, in einem Interview mit Jake Tapper (CNN), 6. Januar 2026, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=kLFkQbPWWDI (Stand: 19. Februar 2026).