GAM 16

Editorial

Andreas Lichtblau, Sigrid Verhovsek

Der soziale Wohnbau hat sich von seinem ursächlichen Anliegen, Wohnungen für das Existenzminimum zu schaffen, im europäischen Kontext der sozialen Entwicklung seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits deutlich entfernt. Sicherheitsdefinitionen in Normen und Gesetzgebungen, eine Optimierung der energetischen Verluste sowie angestrebte Ausbaustandards steigern kontinuierlich die Errichtungskosten und damit die Mietkosten von Wohnraum, der dadurch für einen größer werdenden Teil der Gesellschaft nicht mehr leistbar sein wird. Unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Wandels und der letzten Finanzmarktkrisen wächst zudem die Zahl der Personen, die in einem finanziell prekären Umfeld leben. Allein im europäischen Raum ist die Zahl der arbeitslosen, untypisch beschäftigten, freien DienstnehmerInnen, HeimarbeiterInnen, Teilzeit- und Kurzzeitbeschäftigten seit dem Jahr 2000 enorm gestiegen. Gleichzeitig nehmen Wohn- und Lebenshaltungskosten, Konsumdruck und Qualitätsansprüche stetig zu. Ein Abbild dieser aufgehenden sozialen Schere stellen auch unsere Städte dar. Während finanzkräftige Haushalte in die grünen Randlagen ausweichen oder das Stadtleben in den revitalisierten Zentren genießen, bleiben ärmere Haushalte in den Siedlungen der Vorkriegszeit sowie in innerstädtischen, nicht sanierten Quartieren. Diese zunehmende Segregation der Bevölkerung in einzelnen Quartieren manifestiert sich auch im Außenraum durch abnehmende öffentliche und private Investitionen. Steigende Mietpreise und der ständig wachsende Kampf um Wohnraum zeigen, dass der Wohnungsmarkt im europäischen Kontext mit seinen althergebrachten Typologien nicht mehr in der Lage ist, auf die sich verschärfende soziale Lage und die veränderten Anforderungen zu reagieren.

GAM.16 stellt sich dieser gesellschaftspolitischen Entwicklung und plädiert für eine langfristige Sicherstellung der Leistbarkeit von Wohnraum für zunehmend prekäre Lebenssituationen. Die Beiträge in der vorliegenden Ausgabe stellen neue architektonische Raumbildungen für neue Formen des Zusammenlebens vor, die das Bewusstsein für gemeinschaftliche Ressourcen als auch die konvivialen Beziehungen zwischen den Menschen stärken, und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnen, um auch einen ökonomischen Return of Invest erzielen zu können. Aktuell scheint die Idee der Commons, des Sharings, einen anderen Stellenwert zu erhalten. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, der als Alternative zu Besitz und Eigentum vielmehr das temporäre Teilen von Gegenständen, Erlebnissen und Erfahrungen verstärkt fokussiert. Davon angeregt untersucht GAM.16, welche architektonisch-räumlichen Konzepte des (scheinbar?) „Privaten“ mit den vielfältigen Arten des Zusammenlebens innerhalb unserer Gesellschaft kompatibel, möglich oder denkbar sind. Diese Frage lässt sich sowohl im urbanen Maßstab wie im Struktur- oder Detailmaßstab von Wohngebäuden und innenräumlichen Raumsequenzen untersuchen.

Um alternative Visionen zu generieren, ist neben der Betrachtung der sich abzeichnenden und gegenwärtigen bildenden alternativen Lebenskonzepte auch eine erneute Auseinandersetzung mit historischen Modellen sinnvoll. Forschung ist notwendig, um in der Vergangenheit scheinbar gescheiterte Ideen und Planungen auf ihre jeweils zeitgenössische Relevanz immer wieder aufs Neue zu überprüfen und für die Zukunft zu interpretieren. Dabei wird nicht selten deutlich, dass diese unter anderem Namen und/oder mit anderem Zielpublikum durchaus „gesellschaftsfähig“ und sogar zukunftsweisend sein können. GAM.16 stellt eine solche historisch reflektierte Programmatik des Wohnens neu zur Diskussion, die im Sinne des Nicht-Gewohnten und Nicht-Gewöhnlichen nicht nur altbekannte Typologien weiterschreibt, sondern sich gestaltend aus einer Gesellschaft entwickelt, die sich in Veränderung befindet.

Im ersten Themenzirkel „Realitäten“ steht die theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik „Ware Wohnen“ im Hinblick auf die bewusste politische Steuerung dessen, was wir als „privat“ denken. Jakob Öhlinger definiert in seiner Kritik an der „Ware Wohnung“ die Veränderung, die der „Lebensraum“ und sein Umfeld durch die derzeit vorherrschende politische Ökonomie erfahren musste. Die für eine Spekulation nötige Entkopplung des Wohn-Objekts von dessen BesitzerInnen wirkt sich nicht nur auf den Binnengrundriss, sondern auch auf die Schwellenräume, den Umgebungsraum und letztlich auf die Stadt aus. Ob ein visionäres Modell wie das Einküchenhaus ebenfalls aus ökonomischen oder gesellschaftspolitischen Gründen „gestoppt“ wurde, oder ob es sich nur verwandeln musste, um auf die richtige Zielgruppe zu treffen, lässt sich beim derzeitigen Stand der Forschung nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Günther Uhligs Artikel aus dem Jahr 1979 zeigt die vielfältigen Einflüsse und Eingriffe, denen solche Architektur-Konzepte unterliegen – und ist in seiner Darstellung gesellschaftspolitischer Akzeptanzschwellen erschreckend aktuell. Philipp Markus Schörkhuber skizziert die Entstehung eines politischen Zusammenhangs zwischen dem „öffentlichen“ Interesse und der individuellen „Behausung“ anhand von Untersuchungen einer ForscherInnengruppe um Michel Foucault, die sich auf den französischen Begriff des „Habitats“ richten, das „genau in der Verbindung zwischen dem Gebauten und der gesamten Stadt, zwischen BewohnerIn und der staatlichen Aufteilung des städtischen Raumes liegt“.

Am Beginn des zweiten Themenblocks „Ungewohnt“, der sich der Betrachtung verschiedenster Fallbeispiele mehr oder weniger bekannter, teilweise historischer, aber in jedem Fall als unkonventionell bezeichneten Formen des Wohnens im Sinne einer konvivialen Praxis widmet, steht die Frage, ob und wie Architektur überhaupt imstande ist, ein Phänomen wie Gemeinschaft zu fundieren. Heike Delitz entlarvt zunächst den Gemeinschaftsbegriff als modernen Mythos, bevor sie ausführt, wie das Kollektiv der Achuar, einer vormodernen südamerikanischen Gesellschaft, gerade durch ihre (in unseren Augen) disperse Siedlungsweise ihren Zusammenhalt zu bilden imstande ist. Marson Korbi zeigt in diesem Zusammenhang anhand einiger historischer Beispiele, wie das kollektive Leben von WissensarbeiterInnen organisiert war und wie ökonomisch-motivierte Clusterbildungen in Bursen und StudentInnenhäusern kreative Wechselwirkungen hervorbrachten, die sich auch auf die Gegenwart übertragen lassen. Abseits von den von uns als selbstverständlich akzeptierten Normierungen veranschaulichen die Fallbeispiele aus Delhi (Nikolai Roskamm und Gesa Königstein) und Hongkong (Fritz Strempel), wie durchsetzungsfähig Menschen und Architekturen gegen das System agieren können, wenn sie sich im Kollektiv organisieren – oder durch soziale Marginalisierung dazu gezwungen werden. Roskamm und Königstein entdecken in den informellen Siedlungen Delhis eine besondere Form der Commons, und rücken sie damit in die Nähe von traditionellen Formen der Allmende, während Strempel die momentane politische Energie fokussiert, die sich aus informellen Praktiken des Urban Commoning – wie der temporären Pop-Up Siedlung der philippinischen Community im Finanzzentrum Hongkongs – zu bilden vermag. Die Sehnsucht nach Commoning zeichnet sich, zumindest schattenhaft, auch in den vier österreichischen alternativen Siedlungsbeispielen ab, die das Kollektiv wohnlabor (Jomo Ruderer und Rebekka Hirschberg) in Fallstudien und Interviews untersucht. Die Aktivierung sozialer und ökonomischer Potenziale innerhalb verschiedener Organisations- und Finanzierungsmodelle wird hier nicht nur als Gegen-Vision zu den sich ausdünnenden sozialen Netzen gedacht, sondern in mehr oder weniger unterschiedlichen Gestalten des gemeinschaftlichen Wohnens umgesetzt und gelebt. Architekturen der Gegenkultur werden auch in Christina Linortners Beitrag thematisiert, in dem sie eine Reise in zwei US-amerikanische Landkommunen der 1960er Jahre unternimmt und skizziert, inwiefern die Lernmethodik des Selbstbaus als primäre Triebkraft des gemeinschaftlichen Lebens gelesen werden kann. Alternative Formen des Zusammenlebens manifestieren sich aber auch aktuell in London, wo als Reaktion auf steigende Mietpreise immer mehr Menschen das Wohnen auf einem Hausboot bevorzugen. Inwiefern dieser „Landverlust“ im Sinne einer Entwurzelung aber durchaus ähnliche gesellschaftspolitische Gesetze und Ausschlusskriterien einer Gemeinschaft wie an Land hervorbringt, erklärt Gregory Cowan im Interview mit Petra Eckhard (GAM).

Im dritten und letzten Teil von GAM.16 – „Common“ – werden im Sinne eines Ausblicks Möglichkeitsräume vorgeschlagen, die soziale wie auch architektonisch-räumliche Synergien kreieren. So untersucht die Entwurfsstudie von Massimo Bricocoli, Gennaro Postiglione und Stefania Sabatinelli in Form eines von Studierenden erarbeiteten Familienatlas, wie neue Familienkonzepte räumlich organisiert und umgesetzt werden können. Mit neuen familiären Konstellationen spielt auch der Beitrag von Karla Mäder, der durch eine Fotostrecke die ersten beiden Texte des letzten Teils aneinander klammert und die Grenzen zwischen Wirklichkeit, Entwurf, und (Wohn-)-Bühne verschwimmen lässt. Der Unterschied zwischen diesen Bereichen liegt in den Grenzen, die „real“ in Form von ökonomischen Zwängen, gesellschaftlichen Normen, politischen Ansprüchen oder unserer eigenen Bequemlichkeit vorliegen und dem Mangel an freien Denkräumen geschuldet sind. Wie man konkret und mit den Mitteln der Architektur dagegen aufbegehren kann, zeigt das abschließende Gespräch von Sigrid Verhovsek (GAM) mit Alexander Hagner, Andreas Lichtblau und Manfred Omahna, in dem unterschiedliche Entwurfsansätze sozialpolitischer Motivation zur Diskussion gestellt werden. Neu gedacht und gestaltet präsentieren sich auch die Fakultätsnachrichten dieser Ausgabe, in denen wie gewohnt die spannendsten Auszüge aus dem Fakultätsleben an der TU Graz des letzten Jahres nachzulesen sind.