Gemeinhin wird argumentiert, dass die Bekämpfung oder Beseitigung sozialer Ungleichheiten eine Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik sei, an die sich Architektur und Stadtplanung anpassen müssen. Diese Ausgabe von GAM schlägt eine andere Perspektive vor: GAM.15 – Territorial Justice argumentiert, dass Architektur und Stadtplanung eine Hauptverantwortung für die Intensivierung von Ungleichheiten tragen und dass jede Politik, die darauf abzielt, Ungerechtigkeiten zu beseitigen oder zu bekämpfen, von einer territorialen Sichtweise ausgehen muss. Daher bezieht sich der Begriff der territorialen Gerechtigkeit, wie im Titel von GAM.15 angedeutet, auf die räumliche Dimension sozialer Gerechtigkeit in dem Sinne, dass er verlässliche Bedingungen für den Zugang zu öffentlichen Gütern und Dienstleistungen sowohl für die Stadt als auch für den ländlichen Raum voraussetzt. Wenn wir die Lebensqualität der Gesamtbevölkerung verbessern wollen, müssen wir die Peripherie und den ländlichen Raum verstehen, insbesondere benachteiligte Regionen, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befinden. Aktuelle politische Ereignisse und Protestbewegungen wie die Gelbwesten in Frankreich, die in den USA durch die Wahl von Donald Trump aufgedeckten Gräben in der Gesellschaft oder der Plan Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, laden uns ein, die Vernachlässigung der sogenannten Peripherie genauer zu untersuchen. Laut Christophe Guilluy ist diese durch fehlenden Zugang zu Ressourcen, Aktivitäten und sozialen Netzen gekennzeichnet – nicht zuletzt aufgrund eingeschränkter Mobilitätsoptionen.[1] Dazu zählen sowohl kriselnde Kleinstädte als auch Gemeinden und Landkreise außerhalb der inneren Vororte. Diese Ausgabe von GAM untersucht den Status quo dieser benachteiligten Territorien aus einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel.
Der erste Abschnitt – Semantics – identifiziert Schlüsselfragen und diskutiert die vielfältigen Beziehungen, die sich aus der Betrachtung des Ländlichen aus einer stadtplanerischen Perspektive heraus ergeben. Die Unterscheidung zwischen objektiv feststellbarer materieller Ungleichheit zwischen dem ländlichen Raum und der Stadt und wahrgenommener Ungerechtigkeit an der Peripherie bildet den Kern der Beiträge von Pierre Veltz und Michael Woods. Pierre Veltz argumentiert aus französischer Sicht, dass eine gerechtere Planungsagenda für die Peripherie grundsätzlich eine politische und kulturelle Angelegenheit sei. In ähnlichen Worten, aber aus walisischer Perspektive, argumentiert Michael Woods, dass die Wahrnehmung von Vernachlässigung oder ungerechter Behandlung in der Regierungspolitik und nur marginalem politischen Einfluss dazu führen muss, dass politische Vorgehensweisen im Hinblick auf die Erarbeitung und Umsetzung von Regionalentwicklung und sozialem Zusammenhalt neu durchdacht werden. Bernardo Secchis Text ist ein Auszug aus seinem bahnbrechenden Buch La città dei ricchi et la città dei poveri, in dem er tiefgreifende Gesellschaftskrisen bespricht und für den Abbau von räumlicher Ungleichheit die Notwendigkeit eines radikalen Fokus auf Demokratie ins Treffen führt. Isabel Stumfol und Sibylla Zech plädieren für ein „Neues Bild vom Land“ und schlagen auf Basis ihrer Erfahrung als Raumplanerinnen fünf Punkte für ein neues Narrativ für den ländlichen Raum vor. Dieser Abschnitt schließt mit dem ersten von drei Gemeindeporträts, die einen Einblick in verschiedene Planungsstrategien geben.
Dynamics fasst die Beiträge des zweiten Abschnitts zusammen – in der Betrachtung von Entwicklungen oder Veränderungen innerhalb territorialer Systeme. Im ersten Beitrag zu diesem Abschnitt wirft Nicolas Escach die Frage auf, ob räumliche Ungerechtigkeit als Ansporn für territoriale Innovation angesehen werden kann. Anhand von Beispielen in Frankreich und Dänemark zeigt er, wie der Abbau von Investitionen in lebenswichtige Industrie und Infrastruktur seitens der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft innovative lokale Antworten hervorgebracht hat. Emanuele Sommariva beschäftigt sich mit der Frage der Landflucht in Italien und bezieht sie auf die aktuelle Migrationsdynamik, wohingegen Michael Wagner das Beispiel der Revitalisierung des abgelegenen Schweizer Dorfes Lichtensteig aufgreift, indem er städtische Aspekte in einen ländlichen Kontext stellt. In ihrer Fotoserie porträtieren Ute Mahler und Werner Mahler Kleinstädte in Deutschland als Schauplätze des Wandels, die neue Zentralitäten jenseits einer städtischen Typologie ermöglichen. Aglaée Degros und Eva Schwab untersuchen Mobilitätsoptionen und argumentieren, dass der Zugang zu einem vielfältigen Verkehrssystem einen wichtigen Aspekt der territorialen Gerechtigkeit darstellt. Die Gespräche mit Roland Gruber und Erich Biberich am Ende dieses Abschnitts unterstreichen die Bedeutung partizipativer Planungsprozesse und flexibler Nutzungskonzepte für Räume in ländlichen Gemeinden.
Der dritte Abschnitt – Pragmatics – versammelt Fallstudien und Beispiele aus verschiedenen geografischen und kulturellen Zusammenhängen, um unterschiedliche Formen der Gestaltung der Peripherie aufzuzeigen. Paola Viganò eröffnet den Abschnitt mit einer Untersuchung der architektonischen und urbanistischen Arbeitsmethoden in der amerikanischen Appalachen-Region, einer ebenso ausgedehnten wie gespaltenen Region, deren Komplexität noch nicht vollständig erschlossen ist. Mit einem Blick auf Territorien aus soziologischer Perspektive betrachten Michael Friesenecker, Ruggero Cefalo, Tatjana Boczy und Yuri Kazepov in ihrem Beitrag die sozialräumlichen Unterschiede in der österreichischen Arbeitswelt. In der Fotoreportage des Urban Reports Collective macht die Dokumentation der Randbedingungen in vier europäischen Städten (Mailand, Madrid, Rotterdam und Turin) das Verhältnis zwischen Stadt und Land in aktuellen Prozessen der Stadterweiterung sichtbar. Der Erweiterungsgedanke wird auch von Hans Hortig aufgegriffen, der untersucht, wie der zweifelhafte Handel mit und die Beschaffung von Sand den Bauboom in Singapur ermöglicht haben. Das Interview mit Hille von Seggern gibt einen Einblick in die Interpretation, das Verständnis und die Gestaltung dessen, was sie „rurbane Landschaften“ nennt. Das letzte Gemeindeporträt bildet den Abschluss dieses Abschnitts und stellt interkommunale Initiativen im belgischen Parc Naturel des deux Ourthes vor. Zu guter Letzt liefert der Geograf Don Mitchell Schlussbemerkungen zur Kontextualisierung des Diskurses über territoriale Gerechtigkeit in einem urbanen Zeitalter.
GAM.15 – Territorial Justice ist der Aufbruch in ein Abenteuer in ein von Städtebau und -planung wie Architektur weitgehend unerforschtes Terrain. Wir danken allen, die uns bei diesem Abenteuer begleitet haben und bedanken uns bei der Redaktion für ihre Anleitung und Klarheit, bei den AutorInnen für ihre interessanten Beiträge und die Zusammenarbeit und bei den Peer-ReviewerInnen für ihre kritischen, aber hilfreichen Kommentare. In dieser Ausgabe von GAM wird das Dossier als Ergänzung zu den Buchbesprechungen und als Plattform für die Wiederentdeckung bemerkenswerter Texte im Bereich der Architektur vorgestellt. Joost Meuwissens scharfsinniger und humorvoller Essay „Kunst und Kleinstadt“ ist ein solcher Text und trägt zur Diskussion über Aspekte territorialer Gerechtigkeit bei, die in der Architekturtheorie selten Berücksichtigung finden.
Übersetzung: Otmar Lichtenwörther
[1] Vgl. Guilluy, Christophe: La France périphérique: Comment on a sacrifié les classes populaires, Paris 2014.