In den Bereichen Kunst und Architektur sehen wir eine Erweiterung des Ausstellungskomplexes: Biennalen, Triennalen und Ausstellungsräume werden immer mehr und vermischen sich mit Orten des Konsums. Wenn Kunst und Architektur im Zentrum der kapitalistischen Reproduktion stehen, gefangen zwischen marktorientierter Kultur und Immobilienhandel, werden Ausstellungsstrategien oft als Verstärker von Ungleichheiten gesehen. Abgesehen davon verlangt das Ausstellen aber nicht nur einen Ort der Produktion und Verbreitung von Kunst und Architektur sondern auch einen Ort der Auseinandersetzung und sogar der politischen Konfrontation und des Arbeitskampfes. In GAM.14 sehen wir Ausstellen – im Gegensatz zu Ausstellung – als die bewusste Ablehnung zeitlicher und räumlicher Beschränkung, wodurch neue Orte für investigatives und spielerisches Ausstellen, mediale Manifestationen und Crossover-Kollaborationen entstehen. GAM.14 versammelt aktuelle Positionen aus den Disziplinen Kunst und Architektur in dem konzeptionellen Bestreben, den Akt des Ausstellens von der Ausstellung zu unterscheiden und das Potenzial des Ausstellens als Forschungsraum für die Bewältigung dringlicher gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen unserer Zeit zu öffnen.
Ausgehend von der Tatsache, dass auch eine Zeitschrift zum Ausstellungsort und Ort permanenter räumlicher und zeitlicher Präsentation werden kann, die in einen gesellschaftspolitischen Kontext eingreift, beginnen wir GAM.14 mit einer Referenz an die Intervention von Camera Austria International 69/2000 (aka „Die schwarze Ausgabe“) in den politischen Kontext des Rechtsrucks in Österreich im Jahre 1999, zu dem wir gegenwärtig viele Parallelen sehen und Kontinuität herstellen. GAM.14 definiert die Ausstellung als Akt der Repräsentation, wogegen das Ausstellen das umfasst, was im Zuge der Zusammenstellung einer Ausstellung ausgeschlossen und entfernt wurde. Der Akt der Zusammenstellung einer Ausstellung als geschlossenes zeitliches und räumliches Ereignis wird zu einer Bildfläche, die die Produktionsbeziehungen, die Arbeit, die ökonomische und soziale Situation und letztlich die Ausstellungsbedingungen als solche verschleiert. In diese Konstellation führen wir den Bruch zwischen Ausstellen und Ausstellung als eine Möglichkeit ein, der Aneignung und Auslöschung zu begegnen, die stattfindet, wenn das Kunstwerk und die Beziehungen, die es hervorgebracht haben, in die Ausstellung eintreten. Das Ausstellen erscheint in der Ausstellung als zusätzliche Komponente und bringt den Kampf des Ausgelöschten gegen die Auslöschung zurück.
Im ersten Abschnitt, „Exhibiting – Modernity Rift“, befasst sich GAM.14 mit der fatalen Beziehung zwischen Moderne und Ausstellen. Die Implikationen dieses Verhältnisses stehen im Mittelpunkt eines Gesprächs mit Vincent Normand, der vorschlägt, die Ausstellung als „Baustelle des modernen ästhetischen Subjekts“ zu begreifen, als privilegierten Ort, der gleichzeitig von der Produktion der Moderne erzeugt wird und von zentraler Bedeutung für sie ist. Ivana Bago argumentiert für den Akt der Betitelung eines Kunstwerks und den Eintritt eines Kunstwerks in den öffentlichen Raum als Ausgangspunkt des Ausstellens. Während die zunehmende Betonung des Titels ein Zeichen für die Reduktion des Kunstwerks auf ein Zahlungsmittel sein kann, ist sie für Bago eine Ausgangsbasis für die Analyse neuer Positionen des Verhältnisses zwischen künstlerischer Arbeit und Kunstwerk. In Anlehnung an Walter Benjamin erläutert anschließend Sami Khatib die vom Begriff „Ausstellen“ gebotene semantische Öffnung und weist darauf hin, dass die Ausstellung von Kunstgegenständen auch etwas zeigt, das über die ökonomische Funktion des Warenkreislaufs hinausgeht.
Die Anerkennung der Rolle der Ausstellung in der Produktion der Mittelklasse und des Klassenkonsenses ermöglicht es GAM.14, sie als einen Ort zu nutzen und zu untergraben, an dem sich die Subjektivität des Ausgeschlossenen durch eigene Entscheidung und Entschlossenheit selbst produziert. Das Ausstellen beginnt im Moment der Emanzipation, d.h. der Fähigkeit, ein Problem als öffentliche Angelegenheit zu denken. Wenn Kunst eine optische Maschine ist, um den Zustand der Gegenwart zu sehen (Nicolas Bourriaud), dann ist die Ausstellung die Werkstatt, in der diese Maschine arbeitet. Ana Dević erinnert uns daran, dass das Verständnis der Ausstellung als Verlängerung eines revolutionären Klassenkampfes einen Bruch sowohl in der Repräsentation als auch im Kreislauf der Kommodifizierung verursacht. Ana María León und Andrew Herscher mobilisieren den Begriff „Ausstellen“, um gegen die Normalisierung von Ausschlussprozessen in der Stadt zu kämpfen, die im realen Ausstellungsraum stattfinden. Hier wurden virtuelle Instrumente eingesetzt, um den Klassenkampf wieder in den Ort des „Triumphalismus der Repräsentation“ einzuführen und einen Riss zu erzeugen, durch den das Ausgeschlossene die Realität wieder in den Rahmen rückt und Autorität herausfordert.
Der zweite Teil von GAM.14, „Returns of the Excluded“, zeigt, wie wichtig es ist, Ausstellen im Kontext der Kunst parallel zur Architektur zu thematisieren. Vincent Normand argumentiert, dass der Ursprung der Ausstellung nicht im Wunderkabinett liegt, sondern im anatomischen Theater, also nicht im Akt des Sammelns (von Kuriositäten), sondern in der räumlichen Konstruktion des spezifischen Blicks und der spezifischen Wissensproduktion. In der Moderne wird der moderne Mensch durch die Ausstellung subjektiviert und ist Objekt dieses Prozesses. Der alternative Prozess ist das Ausstellen, das einen Ort der Subjektivierung aller Akteure eröffnet, die an der Konstellation von als Ausstellung gerahmten Beziehungen beteiligt sind. Den Kampf zwischen Ausstellung als Instrument der Moderne und Ausstellen zu verstehen, bedeutet, den Kampf um Sichtbarmachung, Stimme und politischen Raum ernst zu nehmen. Wie lässt sich das Abgelehnte, das zeitlich und räumlich Ausgerahmte und das als Relation Blockierte in die Ausstellung einbringen? Nicolas Bourriaud erinnert uns im Gespräch daran, dass die Kunst schon immer die Fähigkeit besaß, das zurückzuholen, was die herrschende Klasse abgelehnt hat, und dass der Ort des Ausstellens selbst zu einem Ort der Subjektivierung für eine andere Politik wird. Der Kerngedanke ist, dass die Grenzen der Ausstellung innerhalb der modernistischen Subjektivität nicht dadurch überwunden werden, dass man als passive Objekte jene Subjektivitäten einbezieht, die dem Primat der Moderne untergeordnet sind, sondern dass man Allianzen schmiedet, um die Ausstellung von einem Ort für die Produktion von Objekten zu einem Produktionsort von (politischen) Subjekten zu machen.
Die „Praxis Reports“ in GAM.14 schlagen verschiedene Ansätze vor, mit spekulativen Vorschlägen (Strain), wie der zeitliche und räumliche Rahmen der repräsentativen Ausstellung destabilisiert, unterbrochen und manipuliert werden kann, um so etwas wie Ausstellen zu erreichen. Als philosophisches Problem betrachtet, kann die Ausstellung zum Ort der Untersuchung werden (Springer/Turpin), zum Modell (Kuehn), zur Forschung (Franke), zum ästhetischen Instrument des Verstehens der Realität auf einer anderen Ebene (Latour), zum Exponieren (Majača), zum sogenannten „Displaycing“ (Mende) und zur Spiegelung (Miljački).
Wir haben das Museum of American Art in Berlin (MoAA) und den Künstler Armin Linke im Dialog mit dem Grafikdesigner Žiga Testen eingeladen, einige Seiten von GAM.14 als Plattform für dieses Ausstellen zu nutzen. Indem er den ideologischen Kontext im Nachkriegseuropa in den Vordergrund stellt, zeigt der visuelle Essay des MoAA, wie die Einbeziehung oder der Ausschluss von Kunstwerken in einer Ausstellung eine grundlegende Rolle bei der Ausformung des Kanons der Moderne gespielt hat. Linke schlägt in seinem Fotoessay vor, dass mit jeder Konstellation des Ausstellens eine neue Lesart etabliert wird und wirft folgende Frage auf: Ist nicht auch die von jedem einzelnen Künstler angewandte Archivierungsmethode die Grundlage für die Ausstellung?
Ana Bezić eröffnet den dritten Abschnitt von GAM.14, „Exhibiting – Sites of Departure“, indem sie erkundet, wann Ausstellen beginnt und wie Disziplinen wie die Archäologie die Interpretation als Form des Ausstellens nutzen. Dies wird relevant, wenn der konzeptuelle Apparat der Ausstellung mobilisiert wird, um Lösungen zu problematisieren anstatt sie zu präsentieren. In Fortführung der „Praxis Reports“ erweitert Barbara Steiner eine Ausstellung zum Ausstellen, indem sie öffentlich die Zusammenhänge analysiert und sichtbar macht, die die von ihr geleitete Institution ausmachen. WHW untergräbt die Autorität der Sammlung durch das Ausstellen von Werken zusammen mit deren öffentlicher und künstlerischer Arbeit, die die Sammlung auszublenden versucht. Der Beitrag von Antje Senarclens de Grancy diskutiert Beispiele für das Ausstellen als Ort für die Konstruktion oder den Zusammenbruch von Interpretationshoheit und historischer Wahrheit und veranschaulicht, wie die Verlagerung des Fokus von der Ausstellung zum Ausstellen es uns ermöglicht, genau das Format zu nutzen, das durch den modernistischen Impetus des Institutionenaufbaus erzeugt wurde, um die Institution der Moderne herauszufordern. Das Ausstellen erzeugt einen Bruch in den hypostatischen gesellschaftlichen Verhältnissen der Ausstellung, in denen die Gesellschaft die Sprache und Logik anders finden kann als von den Institutionen vorgeschrieben. Mit Bart de Baeres Stimme sprechen wir die Auswirkungen dieses Wandels auf die Institutionen an, indem wir darauf bestehen, dass die ständige Rückbesinnung auf die Arbeit ihrer widerspenstigen Teile, die sich der Kommodifizierung widersetzt, der Horizont ist, auf dem die neue öffentliche Ausstellungsinstitution konzipiert werden sollte.
Die Ausstellung als umschließende Form zu überdenken, bedeutet, das Ausstellen als einen Prozess anzuerkennen, der in der Lage ist, Grenzen zu sprengen, indem er zum Ort der Wissensproduktion und des Zugangs zum Verborgenen wird. Unsere Position zugunsten des Ausstellens öffnet Raum und Zeit, in der die Ausstellung ein Potenzial hat, über den „Triumphalismus der Repräsentation“ hinaus in einen Emanzipationsraum zu gehen, mit der Möglichkeit, einen Fokus auf das Ausstellen als selbstbestimmte Form zu entwickeln.
Übersetzung: Otmar Lichtenwörther