GAM 11

Editorial

Petra Eckhard

Den Strömen des internationalen Risikokapitals folgend bilden die medienwirksam platzierten Publikationen spektakulärer Entwürfe und die strahlenden Dokumentationen realisierter Bauprojekte eine jeweilige regionale Kapitalakkumulation als zuverlässige Indizes ab, wie Kenneth Frampton bemerkte.[1] Es ist noch keineswegs geklärt, welche Auswirkungen diese architekturpublizistische Entwicklung auf die zukünftige Architekturproduktion hat. Die neue Poetik des Immobilienkapitals, die sich in Hochglanz-Veröffentlichungen artikuliert und die dem sensationellen Bildmaterial ihrer Bauprojekte zur Seite getreten ist, hat die Bedeutung des geschriebenen Architekturdiskurses radikal verändert. Selbst in diesem erweiterten Sinne behält jedoch die Beobachtung von Rem Koolhaas ihre Gültigkeit, dass jedem architektonischen Programm ein Text vorausgeht, der es dem Entwurf ermöglicht, in Erscheinung zu treten. „Worte,“ so Koolhaas, „setzen den Entwurf frei.“[2] Doch deren Bedeutung unterliegt derzeit einem grundlegenden Wandel: Immer häufiger treten atmosphärische Impressionen an die Stelle von konzeptionellen Argumenten oder deren kritischer Reflexion. Dadurch wird das dem Architekturdiskurs immanente System einer öffentlichen Auseinandersetzung und Kritik verwässert, in dem Architektur sich selbst bewertet und ihre Gegenwartsanalysen dazu benutzt, um auch Aussagen über ihre intentionalen Entwicklungen treffen zu können.

Diese labile Ausgangssituation nimmt GAM.11 zum Anlass, um eine aktuelle Bestandsaufnahme der architektonischen Praktiken des Schreibens durchzuführen und um neue Formen aufzuspüren, die das Potenzial besitzen, an die Stelle der alten zu treten. Wenn Beatriz Colomina recht hat und das „architektonische Schreiben eine Form der Architektur selbst“[3] ist – wer würde das bestreiten wollen? –, dann kann es sich auch jederzeit neu entwerfen. GAM.11 geht es vor diesem Hintergrund um die Frage, welche spezifischen architektonischen Schreibformen und -praktiken, Textsorten und Ausdrucksmittel den Architekturdiskurs der Gegenwart innovativ prägen, und welche Experimente mit neuen Formen und Formaten geeignet sind, einen progressiven entwerferischen Zugang zu unserer bebauten Umwelt zu inspirieren oder neu zu artikulieren.

Die erste Sektion von GAM.11 – Ascriptions – wendet sich zwei unterschiedlichen Funktionen des Schreibens in der Architektur zu: einer, die ihm für die Architekturproduktion zugeschrieben wird, und einer weiteren, die das Schreiben für die Entwicklung der Architektur und ihre Autonomie unverzichtbar macht. Die einleitenden Beiträge von Friedrich Achleitner und Pedro Gadanho machen deutlich, auf welch unterschiedliche Arten das Medium Schrift in der Lage ist, Architektur einem räumlichen, zeitlichen und kulturellen Kontext im wörtlichen Sinn zuzuschreiben, indem Raumwahrnehmungen, Nutzungsszenarien oder Erzählweisen entworfen, festgehalten und schließlich an eine Leserschaft kommuniziert werden. Gleichzeitig thematisieren die in dieser ersten Sektion versammelten Texte aber auch Zuschreibungen in ihrer weiteren Dimension als Evaluation und Kritik, welche die Architekturproduktion in Wettbewerben, öffentlichen Debatten oder wissenschaftlichen Analysen bewerten. Die Beiträge und Fallstudien verdeutlichen, dass das Schreiben eine für die Architektur essentielle Technik zu ihrer Weiterentwicklung darstellt, die jedoch ihren kulturellen Bezugsrahmen immer wieder neu verhandeln muss. Rebecca Damron und Tom Spector widmen sich der satirischen Funktion der Bildunterschrift, die in ihrem Wirkungsbereich des Blogs zu neuen Formen der kritischen Auseinandersetzung mit Architektur führt. Dass Polemik schon seit langem eine effektive Strategie des architektonischen Schreibens darstellt, beweist auch Martino Stierlis Analyse von Rem Koolhaas’ Theorieklassiker Delirious New York, dessen rhetorische Funktion maßgeblich für ein neues Selbstverständnis von Architektinnen und Architekten war. In den Beiträgen von Manijeh Verghese und Mélanie van der Hoorn wird schließlich der Bedeutung von fiktionalen Texten für den architektonischen Entwurf nachgegangen, indem sie einen architekturspezifischen Zugang zu literarischen Gattungen wie dem Roman und dem Comic entwickeln und dabei auch die Rolle des Bildes neu bewerten.

Auch wenn das visuelle Primat bildlicher, zweidimensionaler Darstellungsformen den Stellenwert der „Schreibkunst“ verändert hat, die bekanntlich seit Vitruv als eine architektonische Fertigkeit ersten Ranges galt,[4] erweitert das Schreiben nach wie vor die Bedeutung eines architektonischen Werks und verankert seine Entstehung im Zusammenhang von Entwerfen und Textproduktion. Die zweite Sektion von GAM.11 – Inscriptions – reflektiert diesen intensiven wechselseitigen Austausch zwischen der Schrift und dem Konstruieren. Die Beiträge gehen der Frage nach, welche entwerferischen und baulichen Konsequenzen verschiedene Textgenres in der Architektur bewirken oder inwiefern sich architektonische Formensprachen aus literarischen Kompositionsprinzipien ableiten lassen. Weiterhin werden Versuche vorgestellt, die diesen Austausch systematisieren und sogar zur Grundlage einer allgemeinen Systemtheorie machen wollen. Während die Beiträge von Petra Eckhard und Julia Weber Architektur als Raum des Literarischen diskutieren, ermöglicht der Textausschnitt aus Mark Z. Danielewskis Roman House of Leaves einen Zugang zu experimenteller Literatur als architektonischem Raum, in dem deren wechselseitige Beziehungen zu entdecken sind. Jimenez Lai und Uta Gelbke führen vor, welche neuen Entwurfshaltungen sich aus unterschiedlichen Lesarten sprachlicher und geometrischer Zeichen generieren lassen. Matej Banožić untersucht schließlich Gordon Pasks kybernetische „Conversation Theory“ als eine Form von Archiscripts, die eine allgemeine Theorie des Austauschs zwischen Architektur und anderen Zeichensystemen konzipiert.

Dass Schreiben auch eine notwendige Ausformung und Technik des architektonischen Denkens und Handelns ist, verdeutlicht die letzte Sektion von GAM.11 – Transcriptions –, die danach fragt, inwiefern sich im Genre des architektonischen Manifests der grundlegende Zusammenhang von Schreiben und Architektur programmatisch formuliert findet, bzw. gegenwärtig weiterschreibt. Die Beiträge von Florian Engelhardt, Ioanna Angelidou und Christina Anna Kloke bestimmen zunächst die historische und zeitgenössische Funktion von Manifesten sowohl für den Architekturdiskurs wie auch für die praktische Entwurfsarbeit. Auf welche Weise diese Textsorte, die in Form von konkreten Forderungen und kompromisslosem Denken ein wichtiges architektonisches Instrument darstellt, auch in der Lage ist, neue Entwurfsparameter aus der Textproduktion heraus zu entwickeln und zu reflektieren, zeigen die Beiträge und Projekte von Bernard Tschumi und WAI Architecture Think Tank. Deren Nutzung und Dokumentation von Manifesten als radikalen Gedankenexperimenten für den Architekturdiskurs lässt das Potenzial erkennen, das eine weitere Ausarbeitung der unterschiedlichen Kontexte von Archiscripts für die Entwicklung der zukünftigen Architekturproduktion besitzt.

Nach zehn Ausgaben präsentiert sich GAM.11 in einem neuen Layout, das die gestalterische Dimension des Zusammenspiels von Bild, Text und Architektur im Magazin reflektiert. Eine Bestandsaufnahme der Formen des architektonischen Schreibens umfasst unserer Ansicht nach auch, die Formen der Präsentation unserer Inhalte im Graz Architecture Magazine zu hinterfragen oder neu zu gestalten.

 


[1] Vgl. Kenneth Frampton: “Für eine agonistische Architektur“, in: Domus 1 (2014), S. 110–113.

[2] Rem Koolhaas: “Why I Wrote Delirious New York and Other Textual Strategies,” in: Any 0 (1993), S. 42. Übers. P.E.

[3] Beatriz Colomina: “Architecture Should Learn from Fiction”, in: Volume 1 (2005), S. 75. Übers. P.E.

[4] Vgl. Vitruv: Zehn Bücher über Architektur I, 1, 3–4.