GAM 04

Editorial

Ullrich Schwarz

GAM.04 – Emerging Realities. Wenn die Götter keine mehr sind, wenn die Zeit einfach über sie hinweggeht und sie – meistens unfreiwillig – aus dem Himmel herabsteigen, wenn der heilige Hain einfach zu einer Ansammlung von Bäumen geworden ist und wir, wie Hegel es sagte, unser Knie nicht mehr beugen, dann schlägt die Götterdämmerung auch schnell in eine Götzendämmerung um. Der Aura folgt die Enttarnung und nicht selten die Entdeckung, dass der Kaiser ja gar keine Kleider anhat. Und irgendwann, wenn es denn genug ist, versandet die aktive „ideologiekritische“ Entauratisierung in der kulturellen Endmoräne des Desinteresses und Vergessens (bis nach frühestens 50 Jahren eine glorreiche Wiederentdeckung erfolgt).

Kann man so oder so ähnlich die heutige Phase der Architekturentwicklung beschreiben? Ganz falsch liegt man damit nicht, wie auch einige Beiträge der diesjährigen GAM-Ausgabe zeigen. Der von den Medien gepflegte Begriff des Star-Architekten steht dabei zunächst für eine personalisierte Markenbildungsstrategie, bei der es um erfolgreiche Markteroberung aber nicht mehr um Architektur geht. Beispielhaft lässt sich dieser Prozess an Architekten demonstrieren, die Ende der 1980er Jahre in der berühmten Dekonstruktivismus-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York präsentiert wurden. Die Zurschaustellung der damaligen Helden der wilden Form, denen Rebellentum, radikale Dissidenz und Innovationskraft für die Architektur überhaupt unterstellt wurde. Wie stellt sich das Bild nach bald 20 Jahren dar? Gehry, Hadid und Coop Himmelb(l)au, die ja auch noch nie mit wirklich druckfesten theoretischen Positionen ausgestattet waren, sind heute überall zu finden, wo der Rubel (oder eine andere Währung) rollt: gestern Peking, heute Dubai, morgen der dann eisfreie Nordpol. Daniel Libeskind nimmt spätestens seit seinen 9/11-Entwürfen so gut wie keiner mehr ernst, au er vielleicht seine Bauherren in Korea (war es eigentlich Nord- oder Südkorea?); Rem Koolhaas macht überall mit und hat es natürlich nie so gemeint und vermittelt geschickt intellektuelle Doppelbödigkeit, sodass unser Autor Andreas Ruby – im Glauben an das Idol schon stark erschüttert – Koolhaas beschwört: Sag uns, dass es alles subversiv gedacht war und alles wird wieder gut. Vielleicht ist bei Koolhaas ja wirklich alles subversiv, es wird jedenfalls als solches immer schwerer erkennbar. Das gilt im Übrigen auch für das Koolhaas’sche Geschäftsgebaren im engeren Sinne. Silke Ötsch legt in diesem Heft den überhaupt ersten Versuch einer Analyse der ökonomisch-organisatorischen Binnenstruktur des Firmenkonglomerats OMA/AMO vor. Koolhaas hat ja vor kurzem im Ernst zu Protokoll gegeben, er hätte AMO gegründet, um wieder intellektuelle Freiheit genießen zu können, nachdem ihm plötzlich klar geworden sei, dass das internationale Kapital die Freiheit des Architekten doch einenge.[1] Ob es bei OMA/AMO wirklich eher um die Freiheit für Ideen oder mehr um die Freiheit für interne Geldbewegungen geht, ist Silke Ötsch auch nach intensiven Recherchen nicht ganz klar geworden, zu undurchschaubar ist das Geflecht aus zahllosen Sub- und Nebenfirmen. Erkennbar wird auf jeden Fall: auch „fuck urbanism“ hat einen harten ökonomischen Kern.

Dem personalisierten Star-Branding entspricht auf der Produktseite ein formales Design-Branding. Ob wir nun von „icons“, „signature buildings“ oder von Spektakelbauten sprechen: immer geht es um die in kürzester Zeit größtmögliche mediale Aufmerksamkeit und sofortige Wiedererkennbarkeit so wie: ein Gehry ist ein Gehry ist ein Gehry ist ein Gehry. Um Architektur oder um Stadtstrukturen, gar um soziale Fragen, geht es hier natürlich schon lange nicht mehr. Und am Ende kommen wir zu Peter Eisenman. Von all den bisher genannten Dekon-Helden dürfte er der kommerziell erfolgloseste sein. Hat er nun alles falsch oder alles richtig gemacht? Das kommt auf die Perspektive an, aber trotzdem ist nun gerade Eisenman seit Mitte der 1990er Jahre auf dezidierte Opposition gestoßen. Das Motiv dieses versuchten Vatermordes war aber ein ganz anderes als bei den Meistern des Bilbao-Effekts. Während die Truppe von Gehry bis Koolhaas als anpasserisch und kritiklos galt, erschien Eisenman im Gegenteil als zu „kritisch“.

Ole Fischer geht hierauf in seinem Beitrag ausführlich ein. In der in den USA geführten Debatte personifiziert Eisenman nicht nur inhaltlich die Position einer „kritischen Architektur“, sondern ihm wird auch vorgeworfen, mit dieser Position und mithilfe seiner medialen und akademischen Netzwerke den Architekturdiskurs, jedenfalls in den USA, geradezu hegemonial beherrscht und, wie seine Kritiker behaupten, am Ende geradezu paralysiert zu haben. Aus europäischer Sicht sei dazu die Anmerkung erlaubt, dass es sich hier zunächst offensichtlich um innerakademische Grabenkämpfe handelt, die ein paar ausgewählte amerikanische Architekturfakultäten betreffen und es um mediale Präsenz sowie um Karrieren geht, eine Auseinandersetzung, deren empirische Relevanz für das Architekturgeschehen denkbar gering sein dürfte. Verblüffend wäre es zu erfahren, dass sich das tatsächliche Baugeschehen in den USA darum gekümmert hätte, ob Eisenman oder andere sich nun für kritische Architekten halten oder auch nicht. Die Diskussion über Post-Criticality darf nicht mit einer Debatte über Eisenmans Architekturtheorie verwechselt werden. Eine solche Debatte ist notwendig und fruchtbar, ist aber in keiner Weise bereits erledigt. Insofern freuen wir uns, in dieser Ausgabe zwei neuere Texte Eisenmans zum ersten Mal auf Deutsch publizieren zu können. In Wirklichkeit geht es bei dem Thema Post-Criticality nicht um die Auseinandersetzung mit einzelnen Personen oder Positionen, sondern um eine Neubestimmung der Perspektiven und Chancen einer „sinnvollen“ Architektur im 21. Jahrhundert oder wie es Dietmar Steiner sagt: es geht um einen Neustart. Dabei ist es nicht damit getan, dass man Architektur nicht nur als Design und Spektakel ansehen will und die Kluft zwischen Theorie und Praxis überbrücken möchte. Zum einen kann sich heute niemand mehr auf „Theorie“ als Hinderungsgrund für irgendetwas herausreden, weil wir uns seit etwa Anfang der 1990er Jahre einem Stillstand der substanziellen Theorieproduktion im „alten“ Sinne gegenübersehen. Zum anderen reicht es nicht, nur nach einem stärkeren Praxisbezug zu rufen. Denn das ist der Schwachpunkt des postkritischen Plädoyers für das Projektive: worin unterscheidet sich diese Haltung von einer schlichten Unterwerfung unter die nun einmal gegebenen Verhältnisse? Im Zentrum steht also die Frage: Wenn wir von Praxis sprechen, welche Art von Praxis meinen wir? Wenn wir von Realitäten sprechen, welche Art von neuem Realismus meinen wir (wenn es nicht bloße Anpassung sein soll)? Zahlreiche Beiträge dieser Ausgabe versuchen, auf diese Fragen Antworten zu geben. Diese Antworten kleiden sich nicht mehr in die Form „großer Erzählungen“ (Lyotard). Vielfach ist eher von De-Radikalisierung, auch von einem Nullpunkt die Rede. Dieser Nullpunkt ist aber ein Übergangspunkt.

Auch die architektonische Moderne muss heute als reflexive Moderne gedacht werden. Deren Themen hei en nicht mehr Geschichte, Wahrheit, Negation und Erlösung, sondern eher Kontingenz, Ungewissheit, Ambivalenz und Ironie. Die „absence of presence“ (Eisenman) ist auch im Universum einer reflexiven architektonischen Moderne geringer geworden, sie wird jedoch vielleicht nicht mehr so grundsatz-versessen an letzten, ja allerletzten Fragen gemessen. Auch das „Reale“ und das „Imaginäre“ gehen hier die vielfältigsten und vertracktesten Verbindungen ein, die sich nicht unbedingt auf den Nenner der „Präsenz“ bringen lassen, schon gar nicht auf den Nenner „Design“.

Antonio Tabucchi lässt in seinem Roman „Lissabonner Requiem“ eine seiner Figuren sagen: „So habe ich das Stoffliche dem Imaginären immer vorgezogen, oder besser gesagt, ich habe das Imaginäre immer gern mit Stofflichem belebt“. Für dieses Stoffliche wählt Roger Connah den englischen Begriff „pulp“ und spricht von Pulp Architecture: „Wir sehen diese [glamourösen] Gebäude, wollen sie aber eigentlich gar nicht mehr, weder in Wirklichkeit noch auf dem Papier. Sie lassen außer Acht, was ein Großteil der Architektur in ihrer spektakulären Individualität außer Acht lässt. Was ist das? Die Straße? Das Pulpige, das Chaos, das Aufgeregte, das Unvorhersagbare, was Straße ausmacht? Fehlen Überraschung, das Nicht-Planbare, die Nicht-Ordnung?“

Provozierend fragt Connah: „Ist es möglich, keinen Plan zu haben und dennoch weiterzumachen?“ Und er gibt die überraschende Antwort: „Gefordert ist: der Architekt als kritisches Wesen.“[2] Das wäre wirklich eine dialektische Volte: Nach dem Post-Kritischen ein neuer Begriff der Kritik. Emerging Realities.

 


[1] Vgl. Hunch No. 9, 2005, S. 124 f.

[2] Vgl. Connah, Roger: Am Punkt Null? – In: StadtBauwelt Nr. 174, Juni 2007, S. 60 ff.